Tee oder Kaffee??


(Text übermittelt von Anna Kuraszkiewicz)

Der Winter zieht übers Land. In den Dämmerstunden steigen aus den

Straßenpfützen langsam Dunst und Missgunst auf. Die Tage werden kürzer, weil

die Nächte länger dauern und dafür der Vormittag entfällt. Um 15 Uhr wird

aufgestanden und zwei Stunden lang geseufzt.


Danach trifft man sich in schön bestuhlten Schankstuben, tauscht aktuelle

Tagesdepressionen aus, gießt sich Heißgetränke in die Organe und lernt dabei

fürs Leben. Denn eine Heißgetränkbestellung ersetzt ein komplettes

Persönlichkeitsprofil und hilft, wahre Freunde von falschen Freunden zu

unterscheiden: Wahre Freunde bestellen Kaffee, falsche Freunde trinken Tee.


Kluge, charmante und weltgewandte Erdenbürger wissen, dass man Tee nicht

einfach so und ohne Not bestellt. Dafür ist Tee nämlich gar nicht

vorgesehen. Tee ist ein Aushilfsgetränk und Anstaltsaufguss und wird nicht

umsonst stets da verabreicht, wo man nicht davor flüchten kann: in

Krankenhäusern, Schullandheimen und in England. Tee macht blass und

rothaarig, schmeckt nach infizierten Atemwegen, nach Bettpfanne, Wandertag

und Küstennebel und drückt auf die Blase.


Ein typischer Teetrinker frequentiert ausgiebig die Aborte und wirkt immer

irgendwie entleert. Ein leerer Blick, ein leeres Wort, dann rennt er wieder

zum Abort. Tee-Liebhaber sind genau wie ihr Getränk: man muss sie ziehen

lassen.


Von Tee-Aposteln wird immer wieder gern behauptet, dass Kaffee so furchtbar

gesundheitsschädlich sei: Nun, das stimmt, aber schließlich schadet das

ganze Leben der Gesundheit, und da muss sich der Mensch seiner Umwelt

anpassen. Künstlich gesundgetrunkene Tee-Körper leiden nämlich an

Schadstoffarmut und werden von allen anderen dort bereits anwesenden

Schadstoffen fröhlich begrüßt und klaglos integriert.


Teetrinker sterben an der eigenen Gesundheit. Kaffeetrinker sind

entschlossene, widerstandsfähige Persönlichkeiten, die immer brav ihr

Koffein getrunken haben. In öffentlichen Schanklokalen gefallen sie durch

spontane Entscheidungen und unmissverständliche Getränkewünsche. Teetrinker

prahlen mit Expertentum, müssen immer erst eine lange Liste mit absurder

Tee-Mischungen durchhecheln und gutgelauntes Kneipenpersonal mit den

unmöglichsten Spezialbestellungen anöden. Manche Teesortennamen klingen wie

Geschlechtskrankheiten, andere wie Automarken, Pflanzenschutzmittel,

Kinderbuchtitel oder Sprechübungen für Schauspieler. Wer einmal einen "China

Yunnan Flowery Orange Pekoe Black" bestellt hat, wird vom Service- Personal

zu Recht gemieden und muss fürderhin zu Hause trinken.


Teetrinker wohnen in schlecht gelüfteten Zimmern mit Holzdecken und

Hochbetten, wo man auf dem Fußboden sitzen muß und vergilbte Wandposter von

philosophierenden Indianerhäuptlingen anstarrt. Die treffendste

Teesortensammelbezeichnung wäre daher "Assam Indianerposter" oder auch

"Darjeeling Dringend Durchlüften". Teetrinker werden allmählich einsam, weil

sie ihren Besuchern niemals zuhören.

Sie können sich immer nur darauf konzentrieren, ihren Teebeutel auszuwringen und mit erstarrter Marmor-Miene ungerührt den Kandis klumpig zu quirlen. Dann laufen sie nervös aus dem Zimmer, um in abgebeizten Oma-Küchenschränken zwischen rostigen Tee-Eiern und verbeulten Blechsieben nach Tröpfchenfängern und Stövchenkerzen zu fahnden.


Wahre Freunde tragen T-Shirts mit der Aufschrift: "Tee ist kompliziert und

schmeckt scheiße!" Sie trinken regelmäßig Kaffee und rauchen ganz viele

Zigaretten. Gute Freunde sind immer Raucher. Nichtraucher sind Trübtröten

mit desolaten Themen-Arsenalen, die überall das Fenster aufreißen, das

Gesundheitsministerium zitieren, Krebsraten runterbeten und Rauch-Besuch auf

den Balkon verbannen. Die meisten Raucher sterben nicht an Krebs, sondern

erfrieren auf Balkonen.


Nichtraucher lassen sich aus lauter Eitelkeit zweimal pro Woche die Lunge

röntgen und vertreiben sich die langen Winterabende mit eitlen

Lungen-Dia-Shows. Gute Freunde aber haben schlechte Lungen und spucken sich

morgens gegenseitig einen ansehnlichen Auswurf in die Waschbecken.

Nichtraucher dagegen bleiben Nicht-Freunde und gehören in ein kaltes,

zugiges Abteil gesperrt. Zusammen mit Teetrinkern. Da können sie stundenlang

die Fenster aufreißen, Tröpfchenfänger tauschen und sich gegenseitig bitten,

nicht zu rauchen; außerdem gerät man nicht in Gefahr, sie versehentlich mit

guten Freunden zu verwechseln.


Die besten Freunde sind natürlich immer alte Freunde, denen man ansieht,

dass man sich viel mit ihnen beschäftigt hat. Richtiggehend zerfleddert und

abgegriffen müssen sie aussehen, mit Kaffeeflecken am Hemdkragen und

Brandlöchern in den Fingerkuppen. Davon kann man nie genug haben, und man

sollte beizeiten überlegen, eine "Alte Freunde-Tauschbörse" einzurichten

oder auch ein "Alt-Freunde-Antiquariat", wo stets ein großer Posten bereits

benutzter Freunde in den Regalen hockt und auf die Kundschaft wartet.

Teetrinker und Nichtraucher wären als langweilige Ladenhüter verpönt, würden

in Kartons verpackt, in Garagen aufgestapelt und schließlich ganz vergessen

werden.


Und nur an stillen Winternachmittagen, wenn man zufällig an solchen Garagen

vorbeikäme, würde man sie hören, wie sie mit ihren Tauchsiedern hantieren.

Man vernimmt das gedämpfte Klappern polierter Porzellantässchen, hört

Tee-Uhren rasseln und zieht fröhlich pfeifend, aber kopfschüttelnd seiner

Wege, trifft sich mit guten Freunden, trinkt Kaffee, raucht Zigaretten und

wartet gemeinsam auf den Sommer.